Strukturwandel / Krise / Subventionskürzungen / Abschaffung von Steuervorteilen... Veränderung hat in diesen Tagen viele Namen. Auch ich bin aufgestanden und habe mich an den Protesten beteiligt. Von Anfang an mit Überzeugung, doch auch mit geteilter Meinung. 
Klimakleber rügen, um Demokratie zu verteidigen, dann aber selbst eine Regierung stürzen wollen, funktioniert nicht. Sitzen bleiben und meckern, ebenso wenig. 

Ich möchte nicht mit Subventionen und Steuervorteilen rechnen müssen, aber benötige diese heute. Dass die Politik die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft unterstützt, ist wie ein chemisches Pflanzenschutzmittel: Hilft, bekämpft das Symptom, aber nicht die Ursache. Das Thema Politik möchte ich nicht ausführen. Weder die aktuelle Regierung, noch die von mir (mehr) Unterstützten Regierungen haben alles richtig gemacht. Nach jedem Rausch kommt der Kater. Wir haben den Kater der letzten Regierung noch kaum überstanden und der der aktuellen fängt schon an. Meiner Meinung nach bräuchten wir eine Doppelspitze aus Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt. 

Wir haben in der Landwirtschaft ein kleines politisches Problem und ein großes gesellschaftliches. Im europäischen Vergleich haben wir in Deutschland sehr günstige Lebensmittel. Ich danke all unseren Kunden und Kundinnen für ihre Verbundenheit und ihr Bewusstsein, Lebensmittel regional bei uns zu kaufen. Jeder Discounter bietet billigere Lebensmittel an, als wir das aufgrund unserer Betriebsgröße können. Wir erzeugen regional und versuchen dabei, nicht gut sondern besser zu sein. Versuchen mit unseren Sonderkulturen wie Linsen, Hirse oder Kichererbsen den großen Erzeugern dieser Produkte wie China, Kanada oder Indien im kleinen Willingshausen ein wenig Marktanteil abzuringen. 

Wir brauchen keine Industrielaisierung der Landwirtschaft, keine Anonymität und keine Völlerei mit billigen Lebensmitteln. Wir brauchen kleinbäuerliche Landwirtschaft, mit Leidenschaft, Verantwortungsbewusstsein und Innovation. Wir brauchen eine Gesellschaft, die genau das unterstützt und bezahlen möchte. So vieles, was importiert wird, wächst auch hier. So vieles, was als Superfood aus fernen Ländern gefeiert wird, ist nicht annähernd besser als das, was schon immer hier wächst und wir vergessen haben.

Wir brauchen Strukturwandel. Aber nicht hin zu Industrialisierung und Vergrößerung, wir brauchen einen Strukturwandel hin zu Innovation und Mut. Hinzu Strukturen, das wir das produzieren, was wir konsumieren und brauchen. Selbstversorgung muss vor Import und Export die oberste Priorität sein. Wir brauchen eine Ausbildung und Ambitionen hin zu diesen Themen, ohne das einzelne Ausreißer unkonventionelle Wege beschreiten. Wir müssen weg von präventiven (chemischen) Maßnahmen, wir müssen Ursachen beseitigen, die Pflanzengesundheit natürlich erhalten und nur bei erreichen der Schadschwelle eingreifen.

Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel und es müssen Aufklärung und Sensibilisierung betrieben werden. Ohne Zwang. Es muss vor allem im Gegensatz zu heute gehaltvoll sein. Wenn wir alle Bio-Lebensmittel konsumieren wollen und dadurch pro Kopf 30-50% mehr Ackerboden benötigen gegenüber konventioneller Landwirtschaft, können wir nicht täglich 580.000 Quadratmeter Fläche für Siedlung, Energie und Verkehr in Deutschland vernichten. Es sei denn, wir wollen uns in Deutschland nicht mehr mit eigens erzeugten Lebensmitteln versorgen.

Ich bin überzeugt, dass es vielen Vollerwerbslandwirten und Vollerwerbslandwirtinnen besser gehen würde, wenn Sie einem geregelten Angestelltenverhältnis nachgehen würden, mit (besserer) Altersvorsorge, Versicherung, Krankensand usw.. Aber ich würde mir wünschen, dass wir eine große Veränderung erleben. Ich glaube heute nicht daran, aber glauben heißt nicht wissen.

In Willingshausen, auf Hof Dörr, wird mein bevorzugter Strukturwandel weitergehen. Ich werde mich weiterhin daran versuchen hier das anzubauen, was sonst woanders angebaut wird und das hier vor Ort zu vertreiben. Werde versuchen Großhandelsstrukturen zu vermeiden und eine maximale Direktvermarktung und Zusammenarbeit mit anderen Direktvermarktern zu fokussieren. Ich werde die Böden gesund erhalten und Humus und Bodenleben aufbauen. Dafür brauche ich und brauchen andere landwirtschaftliche Betriebe euch.

Zum Schluss bleibt für mich von den Bauernprotesten übrig, das ich beeindruckt bin, von einem nie erlebten Zusammenhalt und Engagement. Von einem gemeinsamen aufstehen, durchweg positiver Resonanz aus der Bevölkerung und vielem mehr. Ich freue mich dabei gewesen zu sein und dabei gewesen zu sein einen Etappensieg gegenüber der Regierung in 2023/2024 erreicht zu haben. Die Regierung hat teilweise zurückgerudert und ich sehe die restliche Arbeit bei mir, bei uns, bei euch.